Thomas Jeutter

 

Artikel Offenbach Post vom 2. August 2016

 

Den Gitarren hinterher

 

Rudel-Sing-Sang ist längst Kult

 

Zugkräftig: Der „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“ hat aus dem Stand 100 entspannte Mitläufer gefunden. © Mangold
Zugkräftig: Der „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“ hat aus dem Stand 100 entspannte Mitläufer gefunden. © Mangold

 

Mühlheim - Als Tom Jet letztes Jahr erstmals zum Rudel-Sing-Sang ins Schanz einlud, hatte er nur den Nebenraum eingeplant. Ein phänomenaler Fehler, der Andrang war gigantisch. Heute erschallt der Lockruf an jedem dritten Dienstag des Monats.

Und auch für weitergehende Experimente ist die Kulturhalle ein gutes Pflaster. Sonntagnachmittag war "Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft".  Vor der Kulturhalle Schanz steht eine Schlange – Lunchpaketausgabe für die Tour zur Rodaumündung. Für Vegetarier hat Küchenfee Nicole Bauch beim Sandwich in der Tüte einfach den Schinken weggelassen. Überhaupt, einfach: Schanz-Programmmchef Thorsten Bauch sorgt sich zwar, dass er was falsch gemacht hat. Doch er müsste nicht. Der "Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft", Premiere einer bewegten Variante des Publikumsmagneten, lebt ja davon, dass nichts kompliziert ist. Einfach Tüte schnappen, loslaufen, singen. Wie einst die Fischer-Chöre, nur ohne Choreografie und ohne Gotthilf Fischer, dafür mit Tom Jet.

 

Bauch macht sich trotzdem so seine Gedanken. Er habe, sinniert er, den hundert Teilnehmern nicht gesagt, dass sie „vorher lieber noch mal Pipi machen“ sollen, weil diskrete Möglichkeiten unterwegs knapp und am Main nur die Büsche sind. Aber das wird, wenn man später mal in die entspannten Gesichter guckt, nicht zum Problem. Im Schanz projiziert Tom Jet die Texte sonst immer an die Wand. Für den "Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft" gibt Dieter Schmidt, der Bass-Gitarrist in Jets Haus-Band, jedem Mitläufer zwei Zettel Liedtext mit. Schmidt begleitet heute auf der normalen Gitarre, ebenso wie Tom Jet selbst. Ein Verstärker fährt auf ihrem Bollerwagen mit.

Als erstes steht der Klassiker aller deutschen Wanderlieder auf dem Plan, dessen Wahrheitsgehalt spätestens die industrielle Revolution arg relativierte: Das Wandern ist des Müllers Lust. Den Text kennt jeder, jedenfalls den der ersten Strophe, der die Handwerksqualität eines Müllers in Frage stellt, der aufs Wandern keine Lust hat. Bei der zweiten Strophe, "Vom Wasser haben wir's gelernt", müssen die meisten dann doch den Zettel befragen. Anfangs hatte Tom Jet durchs Mikro verlautet, an roten Fußgängerampeln unbedingt zu stoppen. Auf der Offenbacher Straße interpretiert Thorsten Bauch die Straßenverkehrsordnung aber individueller. Die ersten gehen bei Grün rüber. Als es Rot wird, sperrt der Mann im Stil eines Schülerlotsen die Straße, bis alle drüben sind.

 

Mit dabei ist Ulrike Heng, zusammen mit zwei weiteren Frauen. Sie singen sonst im Obertshausener Jazz-, Rock- & Pop-Chor "Blue Notes". Bei Tom Jet macht Heng mit, "weil es Spaß macht, mal ohne Dirigat locker loszusingen". Das gilt sowieso für Stefanie Bräunig. Sonst besucht sie kulturelle Veranstaltungen mit ihrem Lebensgefährten. Für den kommt der Rudel-Sing-Sang jedoch nicht in Frage: "Dem ist es peinlich, wenn ich singe..."

 

Übertrieben viele Männer sind nicht mit von der Partie. Karl-Heinz Wenzlaff läuft am Rand und fotografiert. Irgendwo in der Gruppe steckt Gattin Brigitte. Das Paar gehört dem 120 Mitglieder starken Fanclub des allürenfreien und herzlichen Tom Jet an.

Die Passanten schauen überrascht und erheitert, als der klangvolle Trupp durch Mühlheim zieht. An der Marktstraße stimmt er "Wochenend' und Sonnenschein" an. Und wer es bis dahin nicht kapierte, der versteht jetzt, warum Rudel-Sing-Sang ein Knüller ist: Eine Frau, die auf dem Fahrrad entgegen kommt, singt genauso textsicher mit wie eine andere, die auf ihrem Balkon sitzt.

 

Auf der Wiese am Bachkopp spekuliert Ulrike Heng: "Hätten wir jetzt noch alle das Gleiche an, könnte man uns für eine Sekte halten." Nachdem beim Picknick die Sandwichs verspeist sind, will Tom Jet Rudi Carells "Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer?" Die Antwort ist egal. Denn der Rudel-Sing-Sang endet, wie er begonnen hat: in der Halle. man

 

 

Artikel Offenbach Post, 24. März 2020:

 

Konzert im Wohnzimmer

 

Tom spielt im „Jet-Stream“

 

Via Livestream ist Lokalmatador Tom Jet für seine Fans trotz Corona-Krise zu sehen. © Prochnow
Via Livestream ist Lokalmatador Tom Jet für seine Fans trotz Corona-Krise zu sehen. © Prochnow

 

Obertshausens Lokalmatador Tom Jet unterhält seine Fans mit einem Konzert im Livestream. Der erste Anlauf macht Lust auf mehr.

 

Obertshausen – "Dankeschön, es war einfach toll", schreibt Martina. "Du bist der Knaller", schwärmt Karin, "Danke Tom für die schöne Stunde der guten Gedanken", verneigt sich Sigrid schriftlich. Der "Starlighter" fegte am Sonntagabend 60 Minuten mit seinem Jet-Stream durchs Internet. Der Hausener Bandleader Thomas Jeutter spielte kurzerhand ein Konzert aus seinem Wohnzimmer – für die Fans live im Internet verfolgbar. "Da bekommt man gleich bessere Laune und vergisst den Mist", lobt Frank in der Kommentarleiste. "Meine Nachbarn haben sich gerade gefreut, weil ich mitgespielt habe", berichtet Musiker-Kollege Maggy und Dieter spielt vorm Laptop am Waschbrett mit.

 

Toms größter Raum gleicht eher einem Tonstudio als einem Wohnzimmer. Mehrere Tastaturen und Monitore umringen einen Drehstuhl. In den Regalen stapeln sich CDs, Musikbücher und alte Hörkassetten, an der Wand hängt ein Dutzend Saiteninstrumente, darüber eine Girlande aus kostbarem Klopapier. Die hat Tom Jet als Hintergrund für seine Liveübertragung zusammengetragen. Vor ihm prangt ein Tablet auf einem Stativ. Das zeigt ihn auf der Facebook-Seite und dazu all die schulterklopfenden, heiteren und ermutigenden Bemerkungen seiner Fans.

 

Die Texte und Gitarrengriffe ruft er auf einem anderen Bildschirm auf, über ein drittes Display steuert er die Musik. Schon lange vor dem Start um 20.30 Uhr, "nach der Tagesschau und den Corona-Sondersendungen", hat er sich mit einem Headset-Mikrofon verkabelt, die "Music Man Albert Lee" und die "Godi"“ hinter sich bereitgestellt. Auf der ersten Gitarre spielt er Songs im Country Stil. "Der Klang kommt fast nur über die Elektronik rüber", erläutert er den Vorzug der kanadischen Godin gegenüber einer üblichen Akustikgitarre.

 

Der erste Anlauf am Donnerstag hat Lust auf mehr gemacht: "Wir haben unsere Probe abgesagt, obwohl wir weit auseinander stehen", erzählt Tom. Dann habe er eines seiner Lieder vor dem Handy gespielt und auf die Facebook-Seite geladen. Seine Anhänger haben das direkt mitverfolgen können. "Das hat Spaß gemacht, es waren so viele Leute dabei", berichtet der Künstler.

 

"Unsere Branche liegt am Boden", schildert er die Situation. "Jeder von uns muss Versicherungen, Fahrzeuge, Miete und Material bezahlen, aber ohne Auftritte kommt kein Geld rein." Beeindruckt habe ihn "der Heiner mit dem Hut": Der Zuhörer habe einen digitalen Hut auf Toms Seite gepostet. Über die Seite gebe es drei Möglichkeiten zu spenden. Aber betteln möchte der Musikant nicht, "ihr seid herzlich willkommen", ruft er in die winzige Kamera am iPad.

 

Oldies, Deutsches und Rock hat er für das kleine Konzert ausgesucht. "Heiner, Du bist da", bestätigt er den Text neben seinem Bild, das jetzt in die Welt hinaus übertragen wird. "Die Begrüßungsrede kommt erst, wenn mehr Besucher da sind!", sagt er und kündigt Cohens Halleluja als ersten Titel an. "Frank, klingt’s gut?" Tom wartet gar nicht auf eine Antwort und stimmt die "Kreise" von Johannes Oerding an.

 

"Mir ist nicht nach großer Party, aber es ist schön, dass ihr da seid", wird der Gastgeber förmlich. "Cousinchen, hallo", winkt er aber dann wieder ganz locker der Verwandtschaft. "Es wird gerockt, wie soll's anders sein, Musik hebt die Laune erheblich", weiß der Experte. Einer seiner Helden aber ist nicht mehr unter uns, Kenny Rogers zu Ehren spielt Tom "The Gambler", das der Verstorbene mit Dolly Parton zum Welthit erhoben hat. "Straßenmusik wie in Griechenland", erinnert Uwe an die Zeit, als er mit Tom durch Südeuropa tingelte. Das "Extra-Lied für Inka" muss warten, die Dame befindet sich noch nicht unter den Zuschauern. Also Heimatliches, Seiler und Speer und "Ham kummst". "Just A Gigolo" leitet das unbeschwerte Finale ein, und ein weniger bekanntes Stück von Elvis Presley.

 

"Genau das, was man jetzt braucht!", klopft Stephanie Tom virtuell auf die Schulter. "Der Tatort musste heute weichen", hat sich Sigi entschieden, Ilse hat "Dirty Dancing sausen lassen".

 

"Wie wäre es das nächste Mal mit einer Pyjama-Wohnzimmer-Party?", schlägt Joe vor. "Vielleicht lässt sich mithilfe eines IT-Spezialisten ein digitales Rudel-Singen organisieren", träumt er weiter. Eine Neuauflage kommt bestimmt, "wenn's schlimmer wird, dann werden wir uns öfter mal sehen", verspricht Jet.

 

VON MICHAEL PROCHNOW

 

 

Artikel Offenbach Post, 8. April 2020:

 

Aus dem Wohnzimmer

 

In der Corona-Krise: 

Diese beiden unterhalten ihre Fans via Facebook-Livekonzert

 

Sicherheitsabstand auch im „Studio“: Die empfohlene Distanz von eineinhalb Metern haben Tom Jet und Sängerin Inka Nuwanda vorher mit dem Zollstock ausgemessen. © rochnow
Sicherheitsabstand auch im „Studio“: Die empfohlene Distanz von eineinhalb Metern haben Tom Jet und Sängerin Inka Nuwanda vorher mit dem Zollstock ausgemessen. © rochnow

 

"Rock'n'Roll Is King!" Nicht nur für Tom Jet ist die Musik der 50er- bis 70er-Jahre das Größte. Auch Inka Nuwanda alias Bertagnoll aus Maintal steht auf die harten Rhythmen.

  • Vielen Musikern brechen in der Corona-Krise alle Gewinne weg
  • Zwei Künstler in Obertshausen hatten eine Idee: ein Facebook-Livekonzert
  • Über das Internet kann gespendet werden

Obertshausen – Beim jüngsten Wohnzimmerkonzert hat der Hausener Starlighter – bekannt vom Rudel-Sing-Sang und als Leiter zahlreicher Band-Projekte – die neue Stimme für seine Rock-Formationen vorgestellt.

 

Facebook-Livekonzert in der Corona-Krise aus Obertshausen: Gefilmt wird mit dem Smartphone

 

Ihren Namen hat die Rockröhre ihrer Band Nuwanda entliehen. Schon mit 18 Jahren war sie dem Rockabilly ergeben, erzählt sie. Bei den Horndogs in Gelnhausen sang sie zuerst, jetzt hat sie ihre eigene Crossover-Formation. An der Seite von Tom, Thomas Jeutter, ist sie die Nachfolgerin von Christin, auch im bundesweit bekannten und vielfach ausgezeichneten Duo Crazy Cats.

 

Im "Wohnzimmer-Studio“"zelebrierte die Sängerin mit ihrem Gastgeber nun vor der Smartphone-Kamera den Clapton-Hit "Cocaine", feierte mit einem "Korn im Feldbett" den 75. Geburtstag von Jürgen Drews und jubilierte mit mehreren hundert Zuschauern auf der Internet-Plattform Facebook "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann".

 

Facebook-Livekonzert in der Corona-Krise – Das Programm aus Obertshausen ist vielseitig

 

Das vielseitige Programm umfasste auch Conny Froboes und Peter Kraus und den "Butzbach-Rock", Elvis Presleys "Jailhouse Rock".

 

Während der Liveübertragung kommentierten viele Zuschauer den Auftritt begeistert, dankbar und heiter. "Wie immer gilt: Eintritt frei, der Hut geht rum", erklärte Tom das System, wie seine Fans ihnen etwas Gutes tun können. Wer wollte, warf einen Beitrag in den virtuellen "Hut", zahlte über den Online-Service Paypal oder Facebook. Bei Bedarf gab der Musiker seine Kontonummer.

 

Obertshausen: Für Künstler brechen in der Corona-Krise viele Einnahmen weg

 

Für Künstler wie Tom sind durch die anhaltende Corona-Krise sämtliche Veranstaltungen, also alle Einnahmen weggebrochen. Sängerin Inka hat sich angesichts der Situation als gelernte Krankenschwester "zurückgemeldet" und arbeitet in einer Klinik. Doch sobald wieder Livekonzerte erlaubt sind, wollen beide als "Crazy Cats New Generation“"durchstarten. Morgen gibt’s ab 20.30 Uhr das nächste Internet-Konzert auf Facebook.

 

Nicht nur die Künstler und Musiker werden von der Krise hart getroffen, auch Restaurants leiden massiv. Gastronomen und ihre Mitarbeiter in Obertshausen stehen wegen der Corona-Krise mit wenigen oder gar keinen Einnahmen da. Einige von ihnen erleiden sogar herbe Verluste. 

 

Auch Bewohner und Betreuer der Wohnheime in Obertshausen trifft die Corona-Krise hart.

 

VON MICHAEL PROCHNOW