Bernd-Michael Land

 

Artikel Offenbach Post, 12. Juli 2019

 

Klangwelten im Meer der Ruhe

 

Rodgauer Künstler bringt CD zum 50. Jahrestag der Mondlandung heraus

 

Eine fiktive Mondszene hat Bernd-Michael Land für sein CD-Projekt gestaltet. Als Grundlage dienten zwei lebensgroße Puppen in einer Ausstellung. © Foto: p/Bernd-Michael Land
Eine fiktive Mondszene hat Bernd-Michael Land für sein CD-Projekt gestaltet. Als Grundlage dienten zwei lebensgroße Puppen in einer Ausstellung. © Foto: p/Bernd-Michael Land

 

Eine CD zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung hat der Rodgauer Klangkünstler Bernd-Michael Land veröffentlicht. Sein nächstes Projekt ist schon in Arbeit: ein akustisches Porträt der Stadt Rodgau. 

 

Hainhausen – Mehr als 500 Millionen Menschen weltweit verfolgten am 20. und 21. Juli 1969 an den Fernsehgeräten, wie ein Traum der Menschheit wahr wurde. Einer von ihnen war ein 15-jähriger Frankfurter namens Bernd-Michael Land. " Die Schule hatte ich im Juli abgeschlossen und meine Lehre begann erst im September", erinnert er sich: "So durfte ich die ganze Nacht wach bleiben und mir die Nase an unserem betagten TV-Gerät platt drücken."

 

So wie die Familie Land saßen damals unzählige Leute vor der Flimmerkiste und verfolgten die Live-Übertragung aus 380 000 Kilometern Entfernung: "In der ganzen Straße brannte in den Wohnungen noch Licht und man konnte überall die Fernsehgeräte durch die Vorhänge flimmern sehen."

 

22 Stunden lang verbrachte der 15-Jährige vor der Mattscheibe. 22 Stunden, in denen oft lange nichts passierte. "Man hat anderthalb Stunden einem liegenden Astronauten zugesehen und alle zwei Minuten kam ein kurzer Funkspruch oder ein technischer Check", erzählt Bernd-Michael Land. Die Zeit von der Landung bis zum ersten Mondspaziergang war für die Zuschauer eine Geduldsprobe und fühlte sich dennoch spannend an: "Das war so großartig, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen."

 

Computertechnik noch in den Kinderschuhen

 

Die erste Mondlandung hat Generationen von Künstlern inspiriert, unter ihnen viele Musiker. Jetzt reiht sich auch Bernd-Michael Land ein. Als Berufsmusiker arbeitet er in erster Linie mit Synthesizern, aber auch mit Gongs und Klangschalen sowie mit aufgezeichneten Klängen ("Samples") aus der Natur. Seine Kompositionen für die CD "Die Mondlandung" bezeichnet er als "elementare und persönliche Musik".

 

Aus heutiger Sicht steckte die Computertechnik 1969 noch in den Kinderschuhen. Die elektronische Musik ebenfalls. Viele Klänge seiner "Mondlandung" erzeugte der Musiker deshalb mit alten Synthesizern aus der elektronischen Antike. Einer davon ist der legendäre EMS VCS-3, der erste tragbare Synthesizer der Welt – und einer der ersten, die für Normalsterbliche bezahlbar waren. Das Instrument kam im Jahr der Mondlandung in den Handel. Bernd-Michael Land besitzt ein Exemplar aus dem Jahr 1970.

 

Klangkünstler am Arbeitsplatz: In seinem Studio in Hainhausen produzierte Bernd-Michael Land die CD „Die Mondlandung“. Das Gerät im braunen Gehäuse rechts ist ein EMS VCS-3, das erste tragbare Synthesizer-Modell der Welt. © Foto: p
Klangkünstler am Arbeitsplatz: In seinem Studio in Hainhausen produzierte Bernd-Michael Land die CD „Die Mondlandung“. Das Gerät im braunen Gehäuse rechts ist ein EMS VCS-3, das erste tragbare Synthesizer-Modell der Welt. © Foto: p

 

Die alten, analogen Geräte haben für die Musikproduktion des 21. Jahrhunderts eine lästige Eigenschaft: Man kann sie nicht per Computer ansteuern. Für den Künstler in Hainhausen bedeutete das viel Handarbeit. Ein halbes Jahr lang saß er in seinem Ein-Mann-Studio, um die Aufnahmen rechtzeitig zum 50. Jahrestag der Mondlandung fertigzustellen. "Ich habe monatelang keine Sonne gesehen", erzählt er, "letzten Mittwoch bin ich zum ersten Mal wieder Motorrad gefahren."

 

Kein Funksprüche oder typische Geräusche

 

Vom Mare Tranquillitatis bis zum Mare Frigoris sind etliche der elf Musikstücke nach den großen Tiefebenen ("Meeren") des Mondes benannt. Aber auf eines wartet man 74 Minuten lang vergeblich: Bernd-Michael Land hat weder Funksprüche der Apollo-11-Besatzung noch typische Geräusche verarbeitet. "Das macht doch jeder", meint er.

Es gibt noch einen zweiten Grund, warum Land auf die NASA-Samples verzichtet: Die akustischen Schnipsel sind nur zur unkommerziellen Nutzung freigegeben – und auf seine Bitte um eine Genehmigung kam keine Antwort.

 

Auch bei den Fotos im Booklet der CD geht der Künstler auf Nummer sicher. Die Bilder der Astronauten auf dem Mond hat er selbst aufgenommen: "Die Astronauten sind Schaufensterpuppen, denen man Astronautenanzüge angezogen hat. Die habe ich vor 20 Jahren in einer Ausstellung fotografiert." Mit Erlaubnis, versteht sich.

 

Die Arbeit am nächsten Projekt hat schon begonnen. Bernd-Michael Land plant drei Konzeptalben unter dem Titel "Auditive Skulpturen". Einige Stücke daraus hat er bereits live aufgeführt. Das erste Album heißt "Rodgau Field" und soll die Stadt Rodgau akustisch katalogisieren. Dabei will Land mit Umgebungsgeräuschen arbeiten. Vogelgezwitscher oder die plätschernde Rodau sind ihm zu banal. Stattdessen will er beispielsweise elektromagnetische Felder der S-Bahn aufzeichnen oder Fledermausrufe mit einem speziellen Scanner hörbar machen. Das alles soll in die Land‘schen Klangwelten einfließen – und der Stadt Rodgau musikalisch ein kleines Denkmal setzen.

 

Ekkehard Wolf

 

 

Artikel Offenbach Post, 8. Juli 2020:

 

Natur ohne Nebengeräusche

 

Corona-Krise: Künstlerischer Freiraum und finanzielle Sorgen

 

Das Summen der Bienen ist eines der vielen Naturgeräusche, die Bernd-Michael Land in seinem Projekt „Rodgau Field“ verarbeitet. © Karin Wagner
Das Summen der Bienen ist eines der vielen Naturgeräusche, die Bernd-Michael Land in seinem Projekt „Rodgau Field“ verarbeitet. © Karin Wagner

 

Corona spielt dem Klangkünstler Bernd-Michael Land aus Rodgau in die Hände.

Noch nie war es so still wie in der Lockdown-Zeit. Er nutzte die Phase der Ausgangsbeschränkung für Tonaufnahmen in der Natur.

 

Hainhausen – "Nie zuvor ließen sich hier Tiere und Naturgeräusche ohne jeglichen störenden Fluglärm aufzeichnen", berichtet er. Um die Vogelrufe in den Krähenbäumen von Dudenhofen aufzuzeichnen, opferte er gern eine Nacht.

 

Diese Geräusche benötigt der Musiker für sein nächstes Klangkunstprojekt. Er will ein akustisches Porträt Rodgaus erstellen, das ihm zur Heimatstadt geworden ist: "Ich gehe diese Woche noch ins Studio und fange damit an."

 

Seit 2018 sammelt Bernd-Michael Land Geräusche aus der Stadt und der Natur, zum Beispiel das Rascheln im Maisfeld und das Summen in den Bienenstöcken der Imkerin Karin Wagner. Solche Aufnahmen sind kein Kinderspiel, wie sich im Maisfeld zeigte: Erst gab es störende Geräusche von einer Baustelle in der Nähe und dann verhinderte ein nächtlicher Regen, dass die Blätter raschelten.

 

Obwohl schon viele Klangschnipsel auf der Festplatte liegen, sind die Außenaufnahmen noch nicht ganz komplett. In der nächsten Zeit will der Klangkünstler unter anderem die Stationsansagen in der S-Bahn aufnehmen. Außerdem will er mit einem speziellen Gerät die Ultraschallrufe fliegender Fledermäuse hörbar machen. Das ergibt einen tollen Stereo-Effekt: "Man hört sie richtig fliegen."

 

In seinem Projekt unter dem Titel "Rodgau Field" verbindet der Künstler Geräusche und Musik. Dabei erstellt er keine akustische Collage, sondern geht darüber hinaus. Er bearbeitet die Außenaufnahmen mit elektronischen Effektprozessoren. Aus einem Geräusch kann so ein abstrakter Klang entstehen: irgendwie vertraut, aber nicht mehr eindeutig zuzuordnen.

 

Manchmal entsteht die Abstraktion bereits bei der Aufnahme – etwa wenn der Künstler die elektromagnetischen Felder einer vorbeifahrenden S-Bahn hörbar macht.

Auch wenn die Covid-19-Pandemie für Tonaufnahmen in der Natur vorteilhaft ist, überwiegen die Nachteile. Da geht es Bernd-Michael Land wie den meisten anderen Musikern auch: Mit abgesagten Konzerten fehlt die wichtigste Einnahmequelle. Staatliche Finanzhilfen sind auf die Situation der frei schaffenden Künstler nicht immer zugeschnitten. Der Klangkünstler aus Hainhausen hat bisher keine staatliche Hilfe in Anspruch genommen. Die Gelder waren entweder an feste Engagements oder an eine Versicherung in der Künstlersozialkasse geknüpft; beides kann er nicht vorweisen.

 

Bernd-Michael Land baut auf die Unterstützung der Öffentlichkeit und seiner Fans: "Wem die Erhaltung meiner Kunst am Herzen liegt und wer elektronische Musik mag, kann gerne eines meiner Alben als CD bestellen."

 

Ganz neu ist das New-Age-Album "Slowing World", das unter anderem Meeresgeräusche von der Insel Sizilien enthält. "Die ersten Vorbestellungen hatte ich schon vier Wochen, bevor die CD fertig war", berichtet Land.

 

Zurzeit entsteht eine DVD, die ein Ereignis der Frankfurter Luminale 2020 nacherleben lässt: das Klangkunstwerk "Hyperreale Reflexion – 4th Movement" zum Thema Industrieromantik mit einer Videoanimation von Klaus Jahn.

 

"In dieser Videoanimation stecken sieben Monate Arbeit", erzählt Bernd-Michael Land. "Leider durften wir von vier Konzerten nur zwei spielen."

Auch das war eine Folge der Corona-Pandemie.

 

VON EKKEHARD WOLF

 

 

Infos im Internet:

 

bernd-michael-land.com