Musikhaus André

Haus des musikalischen Mozart Nachlasses
Stammhaus der Lithographie
Gegründet 1774

Musikhaus André 2010
Musikhaus André 2010
Der heutige Inhaber Hans-Jörg André 1977 im Keller des Geschäftshauses bei der Probe
Der heutige Inhaber Hans-Jörg André 1977 im Keller des Geschäftshauses bei der Probe

Artikel Offenbach Post, 12. September 2015

 

Offenbachs einzige Adresse für Noten und Instrumente

 

Musikhaus André: Musik und Geschäft verbunden

 

Offenbach - Gute Nachricht in einer Zeit, in der Innenstädte von Filialisten geprägt sind: Es gibt sie noch, die Offenbacher Traditionsgeschäfte! Acht von ihnen, die mindestens 100 Jahre alt sind, haben sich zu der Aktion "Handeln mit Seele" zusammengeschlossen.

 

Zum Abschluss: Musikhaus André. Von Markus Terharn

 

Inhaber Hans-Jörg André in der Schatzkammer seines 241 Jahre alten Musikhauses, dem Archiv. © Georg
Inhaber Hans-Jörg André in der Schatzkammer seines 241 Jahre alten Musikhauses, dem Archiv. © Georg


Als Hans-Jörg André in den 60er Jahren geboren wurde, gab es sechs Musikgeschäfte in Offenbach. Heute führt er das einzige noch verbliebene. Mit dem Gründungsdatum 1. August 1774 war es ohnehin das älteste, zugleich der erste deutsche Musikverlag. Prominentester Kunde war Johann Wolfgang von Goethe. Ob Gründer Anton André geahnt hat, dass seine Firma noch den Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel ernähren würde? Und diese siebte Generation muss nicht die letzte sein: Vier Söhne hat der Mittfünfziger, den Freunde Ha-Jö nennen, mit Ehefrau Anke in die Welt gesetzt. Und er plant seinen kontrollierten Ausstieg ab 60.


Seinen Aufstieg verdankt das Haus dem Sohn seines Begründers. Johann Anton André war erst 24 Jahre alt, als er eine weitreichende Entscheidung traf: Von Wolfgang Amadeus Mozarts Witwe Constanze erwarb er den Nachlass des Komponisten. "Das war sehr risikoreich", betont André. "Mozart war ja damals nicht en vogue." Sein Vorfahr, selbst als Tonschöpfer hervorgetreten, habe jedoch dessen Musik geliebt und das mit wirtschaftlichem Denken verbunden. So geschah es, dass weltberühmte Werke wie "Eine kleine Nachtmusik" in Offenbach erstmals gedruckt wurden.


Dabei kam eine weitere Erwerbung Johann Antons zum Einsatz. Der Geschäftsmann bewies ein goldenes Näschen, als er die Möglichkeiten der noch jungen Lithografie, des Steindrucks, erkannte. Er holte den Erfinder Alois Senefelder nach Offenbach, um seine Technik dort fortzuentwickeln. So ließen Drucke sich preiswert herstellen.


"Ich muss nicht alles selbst tun"


Hans-Jörg André war erst 21, als er sich entschließen musste, ob er den von Großtante und Mutter geleiteten Betrieb übernehmen wollte. Beide besaßen keinerlei kaufmännische Ausbildung. "Sie machten mir deutlich: Wenn du nicht willst, schließen wir den Laden zu", erinnert sich der Junior. "Ich wollte aber studieren." Das tat er später: Betriebswirtschaftslehre.

Um Studium und Beruf unter einen Hut zu bringen, hat André etwas fürs Leben gelernt – delegieren. "Ich muss nicht alles selbst tun", ist sein Glaubensgrundsatz. Weil er alle Mitarbeiter selbst ausgebildet hat, weiß er, was er ihnen zutrauen kann. Und er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: "Mir gibt das Freiräume, meinen Leuten Raum für Eigenverantwortung."


Wären die Andrés nicht immer mit der Zeit gegangen, es gäbe das Traditionshaus wohl längst nicht mehr. "Als ich den Laden übernommen habe, hatte er eine verstaubte Atmosphäre", erinnert sich der Inhaber. "Ich überzeugte meine Mutter davon, einen Synthesizer ins Programm zu nehmen." Der erste Interessent fürs Fender-Rhodes-Piano, inzwischen eine Kultmarke, war Hans-Jörg selbst: "Den habe ich mir mit Aushilfsarbeiten und vom Taschengeld erspart."

Heute wird das meiste Geld an der Frankfurter Straße 28 nicht mehr mit Noten verdient; obwohl es die nach wie vor gibt. Musikinstrumente steuern den Löwenanteil zum Umsatz bei. Steinway-Flügel, wie Richard Wagner einen bei André erstand, sind nicht mehr im Sortiment. Dafür elektronische Klaviere, wie sie der Chef selbst gern spielt. Außerdem Blockflöte, Saxofon und Mundharmonika. Als Saiteninstrumente sowohl elektrische als auch akustische Gitarren. Schließlich Schlagzeug aller Art.

Beratung ist das A und O, sagt der Händler. Denn seine Erfahrung lehrt ihn: "Menschen wollen nicht in erster Linie ein Instrument kaufen, sondern musizieren!" Daher der Anspruch, "für jeden das zu finden, was perfekt zu ihm passt". Ausprobieren, sogar Ausleihen ist möglich, beim Kauf wird die Gebühr angerechnet. Unterrichtsstunden gibt's auf Wunsch im Paket dazu. "Da sind wir klar im Vorteil gegenüber dem Konkurrenten Internet", freut sich Hans-Jörg André. So besteht Grund zur Hoffnung, dass die Firma nach bald zweieinhalb Jahrhunderten auch die achte Generation in Lohn und Brot bringt...



 

Artikel Offenbach Post, 6. November 2018

 

Hüterin des Notenschatzes

 

Musikhaus André: Exklusive Einblicke ins historische Privatarchiv

 

Dank ihm waren und sind die Noten noch heute für jedermann erhältlich. © mei
Ohne den Geschäftssinn des Offenbacher Musikverlegers Johann Anton André im 19. Jahrhundert wäre Mozarts berühmte Oper „Die Zauberflöte“ vielleicht schon in Vergessenheit geraten, wie Archivarin Birgit Grün zeigt.

 

Offenbach - Knapp 17.700 historische Notendrucke umfasst das Archiv des Musikhauses André an der Frankfurter Straße. Hüterin dieses Schatzes ist Musikwissenschaftlerin Birgit Grün. Von Marian Meidel 

 

Seit genau zehn Jahren verwaltet sie die Dokumentensammlung, anhand derer sich auch ein faszinierendes Bild vom Offenbach des 19. Jahrhunderts zeichnen lässt. Unserer Zeitung gewährte Grün nun einen Blick in ihre Schatzkammer.

 

Es braucht schon einen Musikverleger von Format, um eine Komposition des Sohnes von Mozart abzulehnen. Dass der Offenbacher Johann André den nötigen Schneid dazu hatte, beweist ein Brief aus dem Jahr 1807. "Ich [...] glaube, daß es nicht geeignet ist, als ein Werk von dem Sohne des berühmten Mozarts in Publicum zu erscheinen, und daß es Ihrem seeligen Herrn Vatter keine Ehre machen würde, woran Ihnen doch sicher mehr als mir gelegen seyn muß", schreibt der Verleger dem Komponistensohn bezüglich eines Stückes, das dieser ihm angeboten hatte.

 

Nachzulesen ist’s in einem Briefkopierbuch der Firma Johann André, das Abschriften sämtlicher Geschäftskorrespondenzen aus den Jahren 1807 bis 1809 umfasst. Und um die Geschichte zu einem glücklichen Ende zu führen: Mozart Junior nahm Andrés Kritik ernst und schickte ihm bald eine achtsamer komponierte Klaviersonate, die der Offenbacher Verlag dann auch in sein Programm aufnahm.

 

Das ist nur eine von vielen Anekdoten aus dem Offenbach des 19. Jahrhunderts, von denen Musikwissenschaftlerin Birgit Grün zu berichten weiß. Seit zehn Jahren verwaltet sie ehrenamtlich das Archiv des Musikhauses André an der Frankfurter Straße. Knapp 17.700 historische Notendrucke umfasst es, und mehr als 20.000 Brief-Abschriften wie die eingangs zitierte.

 

Erstmals in Kontakt damit kam Grün, als sie 1997 für ihre Magisterarbeit über musikalisches Stadtleben zu recherchieren begann. "Im Stadtarchiv bin ich auf einen Ordner gestoßen, auf dem 'Mozart' stand", berichtet sie. Dessen Inhalt barg für sie eine Überraschung. "Dass André im Jahr 1800 den gesamten künstlerischen Mozartnachlass von dessen Witwe gekauft hat, war mir als Offenbacherin überhaupt nicht bewusst."

 

Etwa 45 Prozent des Mozart'schen Gesamtwerks waren es, über die die Witwe noch verfügte und die in Offenbacher Besitz übergingen. Grüns Neugier war geweckt. Schnell nahm sie Kontakt mit dem Musikhaus auf und bat um Einblick in das Archiv, für das sie Jahre später die Verantwortung übernehmen sollte.

 

"Es ist an sich schon eine faszinierende Vorstellung, dass André einfach an seinen Schrank gehen und die Original-Partitur der 'Zauberflöte’'herausholen konnte", so Grün. Noch mehr habe sie allerdings die Frage gereizt, wie er sich dem umfangreichen Konvolut verlegerisch gewidmet habe. Im deutschsprachigen Raum gab es nämlich vor 1774, als Andrés Vater seinen eigenen gründete, keine spezialisierten Musikverlage, nicht einmal im musischen Wien. "Damals wurden Noten vom Buchhandel vertrieben", erklärt Grün. Lediglich in Amsterdam, London und Paris gab es bereits Spezialverlage. Der Offenbacher Unternehmer war also ein Pionier seiner Zunft.

 

Seine Geschäftsunterlagen im Archiv zeichnen ein bemerkenswertes Bild von der Gesellschaft seiner Zeit. "Über die Notendrucke hat man sich die Musik damals nach Hause geholt." Da es um 1800 noch keine Tonaufnahmen gab, musste man Lieder selbst spielen, wenn man sie hören wollte. "Die Aufmachung der Notenhefte sollte auch ansprechend sein, damit sie dem Zeitgeschmack entsprechend auf dem Notenpult gut aussahen." Ein modernes Modeprodukt seien die Drucke im 19. Jahrhundert gewesen.

 

"So wurden sie in den Zeitschriften jener Zeit sogar betitelt", teilt Grün ihr Archivarinnen-Wissen. "Heute können wir uns das gar nicht mehr vorstellen, weil wir diese Dinge in Gedanken auf einem Sockel haben."

 

Die Faszination fürs André-Archiv hat Birgit Grün nach dem Studium in Frankfurt bis heute nicht mehr losgelassen. 2006 gab sie anlässlich des Mozartjahres mehr als 60 Führungen zu dem Thema. Seit 2008 – demselben Jahr, in dem sie hauptberuflich an der Volkshochschule den Programmbereich Kultur zu leiten begann – verwaltet sie in ihrer Freizeit die historischen André-Dokumente, beantwortet Anfragen von Wissenschaftlern und Musikern, erstellt und versendet Kopien gewünschter Partituren – und schätzt sich glücklich, sich ganz mit dem Objekt ihrer Passion beschäftigen zu können.

 

 

Homepage: http://www.musik-andre.de