Rodgau Monotones

Wer in den fortgeschrittenen 70er-Jahren des letzten Jahrtausends mehr als drei Akkorde drauf hatte und glaubte sämtliche Varianten des Blues-Schemas schon zur Genüge durchexerziert zu haben, fühlte sich - der eigenen musikalischen Genialität gewiss – zu dem berufen, was man damals gemeinhin Jazzrock zu nennen pflegte. Krumme Takte, gewagte Harmonien jenseits von "All Right Now", kühne Klangexperimente plus (natürlich) die Einbeziehung fernöstlicher Melodik und Rhythmik. (Hatte obendrein den Vorteil, dass man keinen gescheiten Sänger brauchte, weil: Jazzrock ging auch ohne!)

 

Nun war die Zahl derjenigen, die in jener Zeit wirklich mehr drauf hatten, als irgendwelche müden Steppenwolf-Born-To-Be-Wild-Interpretationen abzuliefern, überschaubar bis klein. Und die eingeschworene Schar derer, die es zu einem gewissen Maß an Virtuosität auf ihrem Instrument gebracht hatten … siehe oben.

 

Und zwar alle … ohne Ausnahme!

 

Das heißt: Eine Ausnahme gab es doch:

 

In einem kleinen Dorf im Kreis Offenbach traf sich 1977 eine kleine Schar von Musikern, die sich ihre Finger bereits eine Zeit lang in diversen ambitionierten Jazzrockbands wund gespielt hatten, um gemeinsam zurückzufinden zu weniger Ernst, mehr Lautstärke und einem Repertoire, das zwar den ehemaligen Jazzrock-Kollegen zu primitiv, dafür aber partytauglicher war.

 

Im Einzelnen waren das Ali Neander (vorher u.a. Gitarrist bei der Jazzrockformation "HÄM"), Raimund Salg, Joachim "Joky" Becker am Bass und Schlagzeuger Jürgen "Mob" Böttcher“ (vorher u.a. bei "Hartz Reinhard Revival").

Zu allem Überfluss hatte sich dieses Quartett der Instrumentalisten zur Komplettierung der Band noch einen Sänger mit ins Boot geholt, der wirklich singen kann: Peter Osterwold (vorher ebenfalls bei "Hartz Reinhard Revival").

 

Auf diese Weise entstand wahrscheinlich die weltweit erste Band, der es gelang, musikalisch bewusst unter ihren eigentlichen Möglichkeiten zu spielen und zwar zunächst hauptsächlich mit Cover-Versionen von ZZ-Top.

Später erweiterte dann auch der ein oder andere Queen-Song die musikalische Bandbreite und nachdem 1978 Henny Nachtsheim (vorher u.a. bei "Space Fart" und "Hartz Reinhard Revival") als Saxophonist und (zunächst nur gelegentlicher) Co-Sänger zur Band stieß, konnten sich die Monotones nunmehr sogar an die ein oder andere Nummer von Police wagen, denn Henny traf zwar nicht jeden Ton auf seinem Instrument, dafür aber gesangstechnisch die hohen von "So Lonely".

 

Als Anfang der 80er die ersten zarten Sprosse der "Neuen deutschen Welle" keimen, tauchen mit "Blaue Augen" zum ersten Mal auch deutsche Texte im Live-Programm der Monotones auf. Eine Coverversion des Drafi-Deutscher-Gassenhauers "Marmor, Stein und Eisen bricht" erscheint 1980 als erste Single.

 

Zwei Jahre später dann das erste Album "Wollt ihr Musik, oder was?". Auf dem zweiten Album "Fluchtpunkt Dudenhofen" 1983 dann der erste Hit "Ei, gude wie". Wiederum ein Jahr später die erste Chartsingle "Die Hesse komme!" – bis heute die heimliche Hessenhymne, mit der die Band schließlich auch bundesweit Bekanntheit erlangt. 1985 dann (fast folgerichtig) der Auftritt beim legendären "Rockpalast".

 

Es folgt ein Phase des Umbruchs: 1987 stößt Saxophonist und Bluesharpspieler Achim Farr zur Band. 1990 verlässt Henny Nachtsheim die Monotones und wird nach einer Denkpause 1992 durch Kerstin Pfau ersetzt. Mit Martin Dörsam, der 2002 den Job des Saxophonisten übernimmt, kommt das vorübergehende Besetzungskarussell zum Stillstand. Zwischenzeitlich mehr oder weniger feste Bandmitglieder bzw. Gastmusiker im Bläsersatz: Christian Schneider, Jo Reitz, Joachim Kunze, Thomas Wimbauer, Heinz-Dieter Sauerborn.

 

 

Artikel Offenbach Post, 5. März 2018:

 

 

Abschiedstournee - Ende offen

 

40 Jahre Rodgau Monotones: Fetter Sound mit alten Nasen

 

 

 

Rodgau - Vier Jahrzehnte auf der Bühne: Den Rodgau Monotones ist das Kunststück geglückt. Seit 1978 ist die Band zusammen – und das in fast unveränderter Zusammensetzung.

 

Ihre größten Erfolge feierten die Monotones in den 1980er Jahren, doch auch im betagten Alter ist es noch längst nicht still um sie geworden. Frontmann Peter Osterwold erinnert sich im Interview mit Michael Bauer und blickt nach vorn.

 

Wie haben es die Monotones geschafft, 40 Jahre lang zusammenzubleiben, ohne dass man sich so auf die Nerven geht, dass die Band auseinanderbricht?

 

Es macht nach wie vor unheimlich Spaß, mit den alten Nasen Musik zu machen. Wir hatten nach Henni Nachtheims Weggang ein Jahr Pause. Doch es gab immer wieder Nachfrage, und wir haben überlegt, wie es weitergeht. Dann haben wir in einer Silvesternacht unsere Kerstin (Pfau) gehört, sie war damals 19 Jahre alt. Die haben wir einfach angesprochen. Sie war großer Monotones-Fan und kannte zum Glück die meisten Texte. Dann haben wir eine Probe mit ihr gemacht und ein Bandfoto, und somit war sie dann Mitglied.

 

Wie erklärt sich der Erfolg über so viele Jahre?

 

Ich denke, das Publikum spürt, dass wir auf der Bühne Spaß haben. Wir haben schon viele Bands erlebt, die sind links von uns hoch, waren groß in den Charts und den Fernsehsendungen, und die kamen dann auch irgendwann rechts von uns wieder runter. Wir sind immer so vor uns hingedümpelt. Ich kenne außerdem keine Band in Deutschland, die zwei so tolle Gitarristen hat und so einen fetten Sound auf die Bühne bringt und die sich auch noch so gut versteht.

 

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsstücke?

 

„Hesse komme“ ist ein Muss - das ist so wie „Satisfaction“ bei den Stones. Aber das macht nix, das macht nach wie vor immer Riesenspaß. Und „Normale Härte“ ist ein Stück, das mir auch gut gefällt und das über die Jahre besser geworden ist. Und außerdem haben wir so viele Balladen, damit könnten wir eine eigene CD füllen. Wir haben uns immer wieder einmal überlegt, ein solches Album zu Weihnachten herauszubringen.

 

Was waren in den 40 Jahren die Höhepunkte?

 

Das erste große Ding war sicherlich unser Auftritt am Bieberer Berg in Offenbach mit Santana, Bob Dylan und Joan Baez. Das war der Knaller. Und natürlich die großen Festivals in den 80er Jahren zum Beispiel mit Deep Purple, Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer. Und das Festival 1986 in Wackersdorf vor rund 90 000 Leuten war natürlich der Hammer. Aber es gab auch viele, viele wunderbare Festzelt-Auftritte. Nicht zu vergessen ist der Auftritt 1985 beim „Rockpalast“ in der Essener Grugahalle. Da hatten wir vorher am gleichen Abend noch eine Fernsehaufzeichnung bei „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff. Da haben wir „Hallo, ich bin Hermann“ kredenzt und sind dann im kleinen Privatflieger von Saarbrücken nach Essen geflogen.

Ging denn immer alles glatt auf der Bühne?

Bei unserem Auftritt in Wackersdorf wurde der Strom, wie damals üblich, von riesigen Generatoren geliefert. Da hatten die Spezialisten tatsächlich vergessen, Diesel nachzukippen, und plötzlich kam nichts mehr aus der Anlage. Wir haben dann unplugged für die ersten drei Reihen gemacht (lacht), bis wir wieder Strom hatten. Und bei einem Konzert vor ein, zwei Jahren irgendwo im Osten ist dann tatsächlich für eine ganze Stunde komplett der Strom ausgefallen. Dort standen überall Kerzen, und wir haben fast unser ganzes Konzert mit akustischen Instrumenten gespielt. Der Mob (Schlagzeuger Jürgen Böttcher) hat sich aufs Cajon gesetzt, Ali (Gitarrist Albrecht Neander) in die Wandergitarre gegriffen. Die Leute fanden’s klasse (lacht).

 

 

Vergessen Sie auch mal Textpassagen?

 

Natürlich. Ich habe schon immer meinen Notenständer mit den Texten dabei; der gehört dazu. Das Komische ist ja: Wenn man auf die Bühne geht, schaltet man beim Singen so eine Art Autopilot ein und die Texte sind da. Wenn man aber dann während des Singens anfängt, über die Texte nachzudenken, dann geht das schon mal in die Hose. Aber Kollegin Kerstin ist sehr textsicher und springt dann auch mal ein.

Hat es die Monotones mitunter geärgert, in die „Mundart-Rocker“-Schublabe einsortiert zu werden?

Am Anfang war es ein bisschen komisch. Da hieß es immer, wir seien die „hessischen BAP“. Zunächst mal bin ich gar kein Hesse...

 

Sondern?

 

Ich wurde in Wolfenbüttel im schönen Niedersachsen geboren, wo man richtig Hochdeutsch spricht. Henni zum Beispiel ist in Wuppertal auf die Welt gekommen, Ali in Hamburg und Kerstin in Saarlouis. Man fühlt sich im Lauf der Jahre schon als Hesse, und das ist auch alles prima. Aber wir singen ja nicht durchweg hessisch. Das könnte ich auch gar nicht, und das ist dann auch gar nicht so lustig. Bei „Ei Gude wie! Wo machst’n hie?“ ist diese Zeile beispielsweise auch das einzige Hessische. Bei „Erbarme“ ist nur der Rap hessisch. Um auf die Frage zurückzukommen: Früher hat das mit den „hessischen BAP“ etwas genervt, mittlerweile ist mir das egal.

Wie geht es denn weiter?

Ich habe heute beschlossen: Das Konzert zum 40-jährigen Jubiläum wird das erste von unserer weltweiten Abschiedstournee ...

 

Wie bitte?

 

...die aber nach hinten offen ist. (lacht herzlich) Irgendwie sind doch zurzeit alle auf Abschiedstournee: Elton John, die Stones...

 

Also gibt es doch Chancen für eine goldene Hochzeit?

 

Solange wir das in irgendeiner Form hinkriegen, warum nicht? Ich werde dieses Jahr 68. Ich weiß nicht, ob ich in zehn Jahren noch in der Lage bin. Die Monotones-Songs sind aber für meine Stimme nicht so anstrengend wie beispielsweise die von Deep Purple mit meiner Coverband „Die Bärbel im Rock“.

 

Und die anderen Band-Mitglieder?

 

Die Kerstin ist die Jüngste von uns, die wird das mit Sicherheit noch können. Im Moment haben jedenfalls alle noch Bock. Anstrengend ist das natürlich immer für den Schlagzeuger, aber der Mob hält sich fit, der macht ja Sport. (dpa)

 

 

 

 

Artikel Offenbach Post, 26.Oktober 2018:

 

 

Druckfrisches Buch erzählt über Hessens älteste Rockband

 

40 Jahre Rodgau Monotones: „So wichtig sind wir doch nicht“

 

 

Der Autor und drei Monotones-Musiker präsentieren ihr Buch (von links): Peter Osterwold, Oliver Zils, Joky Becker, Ali Neander.  © Wolf
Der Autor und drei Monotones-Musiker präsentieren ihr Buch (von links): Peter Osterwold, Oliver Zils, Joky Becker, Ali Neander. © Wolf

 

Rodgau - Die Rodgau Monotones gibt es nicht nur auf der Bühne, auf Tonträgern und DVD, sondern jetzt auch zwischen Buchdeckeln. Von Ekkehard Wolf

 

"Wollt ihr Musik, oder was?" ist nicht nur Pflichtlektüre für Fans, sondern erinnert auch an den Zeitgeist der 80er- und 90er-Jahre und liefert Einblicke in das Musikgeschäft.
"Die ganze Geschichte der Rodgau Monotones" verspricht der Untertitel des schwergewichtigen Schmökers. Autor Oliver Zils hat eine Fülle an Material zu einer unterhaltsamen Erzählchronik verdichtet, die im Detail auch für Beteiligte überraschend ist. „"ch habe aus dem Buch viel Neues erfahren", lacht Sänger Peter Osterwold. Gemeinsam Erlebtes hört sich in den Erinnerungen unterschiedlich an.

 

Als Paradebeispiel dafür nennt Oliver Zils ein Ereignis beim Frankfurter Festival "Rock gegen Rechts" 1980, als Autonome auf die Bühne drängten und über Hausbesetzungen reden wollten. "Davon habe ich acht verschiedene Versionen gehört", sagt Zils. Unbestritten ist jedoch, dass Osterwold ins Mikrofon rief: "Sag mal, wollt ihr Musik, oder was?" In der politisch aufgeheizten Atmosphäre löste er damit ein Pfeifkonzert aus. Zwei Jahre später stand dieser Satz als Titel auf dem Cover der ersten Monotones-LP: "Wollt ihr Musik, oder was?".

 

Innerhalb kurzer Zeit stiegen die Monotones von der regionalen Waldfest-Band zu bundesweiter Bekanntheit auf. Der Autor zeigt nicht nur die Fassade, sondern erzählt auch von der Arbeit dahinter, von Problemen in der Gruppe, von Gefühlen wie Neid und Eifersucht. Vielleicht noch wichtiger: Er erzählt die Bandgeschichte vor dem Hintergrund des Zeitgeistes und der Zeitgeschichte.

 

"Das Buch zeigt über uns hinaus, wie die Zeit war und wie Gruppen funktionieren", sagt Gitarrist Albrecht ("Ali") Neander. Damit hebt sich das Buch aus seiner Sicht positiv von gängigen Band-Biografien ab, die nur die Eitelkeit befriedigen: "So fürchterlich wichtig sind wir doch nicht."

 

Eine lockere Gelassenheit, das Sich-selbst-nicht-wichtig-Nehmen und viel Selbstironie strahlen die Monotones nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Gespräch aus. Oliver Zils bezeichnet die Band im besten Sinn als unprätentiös: "Sie hatte nie eine Attitüde, hat sich nie um ein Image bemüht."

 

"Wir waren bei unserer Gründung schon altmodisch", sagt Ali Neander. Statt Punk, der damals angesagt war, spielten die Monotones die Stücke von ZZ Top. Auch später machten sie immer ihr eigenes Ding, ohne jeder Mode hinterherzulaufen. Neander: "Das gibt eine gewisse Unabhängigkeit."

 

In den Zeiten ihrer größten Bekanntheit traten die Rodgauer als Vorgruppe vor Berühmtheiten wie Tina Turner, Bob Dylan oder Status Quo auf.

"Das war ein Kampf ums Überleben", erinnert sich Ali Neander an einen Auftritt vor Deep Purple: "Die 50 000 Fans waren ja nicht wegen uns gekommen."

 

Die Monotones spielten vor 90.000 Leuten in Wackersdorf und vor ein paar hundert auf dem Dorf – auch in Orten mit skurrilen Namen wie Niederbrechen, Linsengericht und Etzen-Gesäß. Viele Fans haben schon -zig Konzerte miterlebt. Sie sind mit den Musikern älter geworden. Aber immer wieder sieht man auch Zehnjährige vor der Bühne, die alle Texte auswendig können. "Wir sind auf Abschiedstournee mit offenem Ende", sagt Peter Osterwold. Und Ali Neander merkt grinsend an: "Ich glaube, wir werden erst im Sarg von der Bühne getragen."